Buchtipp: Caleb Carr: Die Einkreisung
29. Sep 2007 von drwatson32
Psycho-Krimi aus dem New York an der Schwelle zum 20. Jahrhundert

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(Auf Englisch unter dem Titel “The Alienist” gelesen)
New York, im Vorfrühling 1896. Der junge Journalist John Moore wird mitten in der Nacht zu einem Treffen mit einem alten Bekannten gerufen – dem Irrenarzt Dr. Laszlo Kreizler. Ursache ist ein bizarrer Mord: ein etwa 13jähriger Junge, als Mädchen verkleidet, wurde auf der Baustelle der neu entstehenden Brooklyn Bridge umgebracht und grotesk verstümmelt. Nur zu bald ist klar, dass niemand diesen Mord verfolgen wird, denn der Knabe lebte auf der Straße und prostituierte sich – und die Gesellschaft wäre niemals bereit, auch nur öffentlich die Existenz einer solchen Form der Prostitution zuzugeben. Nicht dass es sich um einen Einzelfall handeln würde, wie Moore und Kreizler feststellen werden. Theodore Roosevelt (ja, in der Tat) in seiner Position als Polizeipräsident sieht keine andere Möglichkeit, den Fall aufzuklären, als seinen alten Freund Dr. Kreizler zu bitten, eine inoffizielle Ermittlung anzustellen. Kreizler ist sozusagen ein Vorläufer Freuds und der erste “Profiler” der jüngeren Geschichte: er sieht die einzige Chance darin, aus den Taten und den Opfern ein psychologisches Bild des Täters zu rekonstruieren. Ihm zur Seite stehen Moore sowie die dafür abgestellten Detective Sergeants Marcus und Lucius Isaacson. Und nicht zuletzt Sara Howard, die erste Frau, welche die Polizei New Yorks in ihren Reihen hat. Es stellt sich heraus, dass es in der jüngeren Vergangenheit bereits mehrere ähnlich gelagerte Fälle gegeben hat.
Die Widerstände, welche dieses Team zu überwinden hat, sind enorm. Nicht genug damit, dass die Polizei keine Unterstützung leistet. Kreizlers Ansichten sind in der Gesellschaft als revolutionär verschrieen, und hinter den Kulissen versucht jemand, die Vorgänge zu vertuschen. Da schlägt der Mörder ein weiteres Mal zu…
Der Krimi schlägt einen sofort in seinen Bann. Die Atmosphäre ist sehr dicht und lässt einen kaum zu Atem kommen. Die Story ist aus Sicht des Reporters Moore geschrieben, wodurch der Leser sofort in die Handlung einbezogen wird. Die Hauptpersonen sind alles andere als flach, sondern sehr lebendig und glaubhaft gezeichnet. Bei einem Krimi, welche so viel Wert auf den “psychologischen Kontext” legt, wäre alles andere auch völlig unglaubwürdig. Die Kontraste zwischen der besseren New Yorker Gesellschaft z.B. in der Oper oder bei Delmonico’s auf der einen Seite und der Unterwelt in den Absteigen und Bordells kann man sich krasser kaum ausmalen. Sehr gelungen ist auch die historische Einbettung der psychoanalytischen Ansätze Kreizlers, welche einige – aber nicht alle – Theorien Freuds vorwegnehmen und dadurch die Ermittlung erst ermöglichen.
Bei einem echten Psycho-Thriller muss man aber auch darauf gefasst sein, einige recht blutige Szenen vorgeführt zu bekommen. Man folgt dem Team durch die Autopsie, sieht ihnen bei der Untersuchung des Tatorts über die Schulter und nimmt an den Diskussionen zur Persönlichkeit des Täters teil. Die Ergebnisse einer Autopsie bei einem Dinner bei Delmonico’s zu diskutieren, würde sicherlich nicht jedem einfallen …
Die andere Seite der Handlung, nämlich die Konflikte mit bzw. innerhalb der so genannten besseren Gesellschaft, rundet den Roman ab. Überhaupt zieht sich diese symbolische Dichotomie wie ein roter Faden durch die Story: Die Unterwelt wird zu den unterdrückten “dunklen Seite” der menschlichen Gesellschaft, so wie Geschichte des Mörders die dunkle Seite der amerikanischen Familie darstellt – und genau vor dieser dunklen Seite fürchtet man sich, genau darum wird Kreizler von der Gesellschaft geschnitten, denn er könnte das Dunkle ans Licht zerren.
Fazit: unbedingt lesen!
Es gibt übrigens vom gleichen Autor einen zweiten Roman mit den gleichen Hauptpersonen (“Der Engel der Finsternis”). Jenes Buch habe ich nach ca. einen Drittel als Zeitverschwendung ungelesen weggelegt – und das passiert mir nur alle Jubeljahre mal. Schade eigentlich, da steckte so viel Potential drin….

