Raymond Chandler: Das hohe Fenster
18. Mrz 2008 von drwatson32
Krimi-Klassiker vom Pionier der “hard-boiled novel”

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Philip Marlowe, Privatdetektiv in L.A., wird beauftragt, dem Verschwinden einer wertvollen antiken Goldmünze auf den Grund zu gehen. Aber es scheint mehr dahinter zu stecken: eigentlich will die Besitzerin, die reiche Mrs. Elisabeth Bright Murdock, den Fall nur benutzen, um ihre Schwiegertochter möglichst billig loszuwerden. Bei seinen Nachforschungen stellt Marlowe fest, dass er beschattet wird – von einem anderen Detektiv, der noch ein blutiger Anfänger ist. Als Marlowe seinen Beschatter aufsucht, findet er ihn ermordet vor… und Erpressung scheint auch eine wichtie Rolle zu spielen, denn alle Beteiligten verbergen irgend etwas.
Aber wer wird von wem erpresst und warum? Welche Rolle spielt die verquere Mutter/Tochter-Beziehung zwischen Mrs. Murdock und ihrer Sekretärin Merle? Bis sich am Ende die Abgründe auftun und ein altes Verbrechen ans Tageslicht kommt, sollen noch mehr Morde geschehen….
Die verworrenen Handlungsfäden eines Chandler-Romans vollständig wiederzugeben, ist wohl vergeblich. Nicht umsonst sagte Chandler einmal über ein von ihm selbst verfasstes Drehbuch (“Der lange Abschied”, nach dem gleichnamigen Roman), er wisse selbst nicht mehr, wer der Mörder sei.
Aber darum geht es in den Romanen auch gar nicht. Waren die englischen Krimis von Agatha Christie und Dorothy Sayers noch klassische Rätsel und die Person des Verbrechers, sind in den Romanen Chandlers (und anderer Autoren des gleichen Genres, z.B. Dashiell Hammett) eigentlich alle Beteilligten Verbrecher – auf die eine oder andere Art selbst der Detektiv. Die Frage ist eher, wer moralisch auf der richtigen Seite steht. Und letzten Endes kann nur der Erzähler, der Detektiv selbst, mit eher weniger gesetzestreuen Methoden dafür sorgen, dass so etwas ähnliches wie Gerechtigkeit durchgesetzt wird – und auch das nur in Grenzen, denn die Reichen und Mächtigen schaffen sich ihr eigenes Recht.
Interessant ist es auch, die im Roman auftretenden Frauenfiguren gegenüberzustellen: da wäre Chandler-typisch das Showgirl: tolle Figur, aufregende Stimme und abgezocktes Auftreten, aber in Wirklichkeit ist sie nicht so taff, wie sie sich gibt. Außerdem die Unschuld: ja, es gibt sie noch. Aber sie wird von allen Seiten ausgenutzt und ist das eigentliche Opfer des Romans. Neu ist in diesem Roman aber die Figur der Tyrannin. Obwohl sie selbst den Detektiv beauftragt, ist sie doch das eigentliche Monstrum; alle anderen Verbrecher und traurigen Figuren bilden sozusagen nur das “Gefolge”. Über Chandlers Verhältnis zu Frauen könnte man Bände schreiben ….
Wer die Filme der “Schwarzen Serie” mag, für den sind die Romane Chandlers genau das richtige.


