Susanna Clarke: Jonathan Strange & Mr. Norrell
4. Mai 2008 von drwatson32
Fantasy im Stil eines englischen Gesellschafts-Romans

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Vor Jahrhunderten war die Kunst der Zauberei in England hoch angesehen. Die Zauberer Merlin, John Godbless und Ralph Stokesey zum Beispiel sind noch in guter Erinnerung. Doch als der größte von ihnen, der Rabenkönig, auch John Uskglass genannt, verschwand, gingen die Fähigkeiten der Zauberer zurück. Am Anfang des 19. Jahrhunderts ist nur noch die “theoretische Zauberei” übriggeblieben, die von etwas schrulligen Gentlemen in ihren Clubs betrieben wird, die alte Zauberbücher sammeln und studieren – ohne dass dabei auch nur ein einziger Zauberspruch tatsächlich ausgesprochen würde.
Da kommt der Club der Zauberer von York in Kontakt mit dem zurückgezogen lebenden Mr. Norrell, der von sich behauptet, ein praktischer Zauberer zu sein, und dies sogleich unter Beweis stellt. Mr. Norrell beschließt, seine Fähigkeiten in den Dienst des Empire zu stellen, dass sich gerade im Krieg befindet. Dummerweise sind die gesellschaftlichen Hürden so hoch, dass auch ein Zauberer sie nicht überwinden kann. Norrell wird abhängig von einigen dubiosen Gestalten wie Mr. Drawlight und Mr. Childermass, welche seinen gesellschaftlichen Umgang kontollieren. Derweil lässt Mr. Norrel sich dazu überreden, eine soeben verstorbene junge Dame wieder zu beleben – was aber nur gelingt, indem er einen Handel mit einem Elfenkönig abschließt – mit zunächst unbekannten Folgen. Als Mr. Norrel schließlich den Ministern seine Zauberkunst vorführt, könnte alles in schönster Ordnung sein. Doch leider ist Mr. Norrell “eine Art Geizhals, der Zauberei statt Gold hortete” (um es mit den Worten einer alten Dame zu sagen), und ein kleinlicher, vertrockneter Charakter obendrein, der es keinem anderen vergönnt, ebenfalls als Zauberer tätig zu sein.
Da taucht plötzlich Jonathan Strange auf, ein Gentleman, der sich das Zaubern ganz allein beigebracht hat. Er wird zunächst von Mr. Norrell als Schüler aufgenommen, doch zu unterschiedlich sind ihre beiden Charaktere. Der praktisch veranlagte, offenherzige Strange zieht ins Feld, mit spektakulären Ergebnissen. Die beiden gerade bald aneinander und trennen sich.
Nun zeigen sich die ersten Folgen des Handels mit dem Elfenkönig. Die junge Dame, mittlerweile Lady Pole, Frau des Kriegsministers, ist gezwungen, die Hälfte ihres Lebens im Elfenlande zu verbringen und jede Nacht auf endlosen Bällen in alten Ruinen zu unheimlicher Musik zu tanzen, ohne dass sie tagsüber ihre Lage jemandem verständlich machen kann. Und auch der erste Diener Lord Poles, Stephen Black, fällt unter den Einfluss des Elfenkönigs. Bis Jonathan Strange und Mr. Norrell einen Weg gefunden haben, den Bann zu brechen, müssen sie zuerst ihre Feindschaft begraben. Und da ist auch noch eine uralte Prophezeihung…
Eine lange Beschreibung für ein dickes Buch (knapp 1000 Seiten). Der Stil ist höchst ungewöhnlich und erinnert in positiver Weise an die alten englischen Gesellschaftsromane. Auf eine schnulzige Liebesgeschichte muss man allerdings verzichten (Gott sei Dank!). Die Atmosphäre des beginnenden 19. Jahrhunderts ist gekonnt eingefangen: moralische Enge, herrschaftliche Anwesen, schrullige Clubs, Ganuer, die unter dem Deckmantel der sogenannten “besseren Gesellschaft” ihren Betrügereien nachgehen… und immer ist ein gewisses Augenzwinkern dabei, denn schließlich geht es um Zauberei, und das ist nun wirklich keine anständige Beschäftigung für einen Gentleman – oder etwa doch?
Die beiden Hauptpersonen sind hervorragend gezeichnet. Der kleinliche, pedantische Mr. Norrell, der alle seine Fähigkeiten im Grunde nur dafür einsetzt, anderen den Weg zur Zauberei zu versperren, und andererseits Jonathan Strange, der so etwas wie einen zupackenden “selfmade-man” darstellt: größer könnte der Unterscheid nicht sein. Auch die Ganoven Childermass und Drawlight sind absolut überzeugend. Und schließlich bezieht der Roman viel Inspiration aus den alten Volkssagen und den noch in den keltischen sagen begründeten Geschichten um die Elfen und die Handel, welche man mit ihnen besser nicht abschließt…
Der Anfang ist etwas betulich und langatmig, stellt aber die Charaktere und ihre Umgebung schön dar. Sobald aber Jonathan Strange auftaucht, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Eine Vielzahl von (pseudo-)literarischen Fußnoten verstärken das altmodische “Feeling”, vermitteln dabei aber auch etliche Details zu den auftretenden Personen und erinnern an alte Sagen.
Ein ganz zauberhaftes Buch!

