Buchtipp: Neil Gaiman: Niemalsland
15. Mrz 2008 von drwatson32
Moderne Fantasy

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Eines Abends findet der junge Investment-Banker Richard Mayhew ein junges Mädchen auf der Straße. Offensichtlich ist sie verletzt, und er kümmert sich um sie. Das führt erst einmal zu einem handfesten Krach mit seiner Verlobten, was ja noch verständlich wäre. Aber dann geschehen einige äußerst merkwürdige Dinge: das Mädchen, Door heißt sie, bittet eine Taube darum, für sie eine Nachricht zu überbringen. Die Antwort wird von einer Ratte gebracht. Zwei sehr beunruhigende Gestalten, Mr. Croup und Mr. Vandemar, suchen nach ihr. Irgendwo im Untergrund von London treibt Door einen Helfer auf, den Marquis de Carabas. Und Richard begreift, dass hinter der Fassade seines bekannten Londons eine andere Welt existiert, in den alten U-Bahnhöfen, der Kanalisation, den aufgegebenen Tunneln, auf den unbenutzten Dächern der Häuser, …
Und als Richard am Tag darauf wieder in seinen Alltag zurückkehrt, stellt er fest, dass die Menschen ihn nicht mehr wahrnehmen: Wenn er seine Kollegen anspricht, erkennen sie ihn nicht. Sein Schreibtisch wird gerade geräumt. Selbst seine Kreditkarte wird vom Automaten nicht mehr erkannt. Er ist “durchs Netz gefallen”.
Richard beschließt Door ausfindig zu machen – etwas anderes bleibt ihm gar nicht übrig. Doch die Regeln des anderen Londons, des “Niemalslands”, sind ihm genauso fremd wie seine höchst ungewöhnlichen Bewohner. Door wiederum hat eine zweifache Aufgabe – am Leben zu bleiben, obwohl Croup und Vandemar ihr nachstellen, und die Morde an ihrer Familie aufzuklären. Dieses Abenteuer führt die beiden schließlich zu dem wahrhaftigen Engel Islington, der irgendwo im Britischen Museum lebt und sie auf die Suche nach einem geheimnisvollen Schlüssel schickt…
Gaiman versteht es, den Leser mit dem Versprechen zu ködern, dass neben unserem manchmal recht eintönigen Alltag noch etwas anderes existieren muss, eine Welt, in der die Nöte und Gefühle noch elementarer sind als in unserer unverbindlichen Gegenwart. Hier sind Versprechen und Gefallen die Währung, mit der gehandelt wird. Der Earl von Earl’s Court residiert in einem U-Bahn-Wagen. Und Leute, die in besonderer Gefahr schweben, verstecken ihr Leben in einem silbernen Schatzkistchen… Wer aber in diese Welt geblickt hat, der kann nicht wieder zurück, auch wenn unser Alltag die ungefährlichere Wahl wäre. Das Niemalsland wimmelt von unbekannten und zum Teil unverständlichen Gefahren. Und Richard, die Hauptperson, stolpert von einer Falle in die nächste und versucht doch immer nur – nein, nicht das richtige zu tun, sondern nur seinen Weg zurück zu finden.
Mehr als nur eine Idee aus diesem Buch findet sich übrigens in Christoph Marzis Lycidas-Trilogie wieder (mehr dazu siehe in den Kommentaren dort) (Gaiman’s Buch ist das ältere!)
Für jeden, der sich für die Vorstellung einer fantastischen parallelen Wirklichkeit begeistern kann und dabei die Spannung nicht zu kurz kommen lassen will, ein Muss!

