Buchtipp: Christoph Marzi: Lycidas
11. Nov 2007 von drwatson32
Erster Band der Reihe um die uralte Metropole, ausgezeichnet mit dem Deutschen Phantastik-Preis

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Die kleine Emily wächst in einem Waisenhaus in London auf. Die “einäugige Missgeburt” fristet dort ein klägliches Dasein – von wegen Missgeburt übrigens, ihr Glasauge verdankt sie dem Rohrstock des Hausmeisters. Eines Tages aber stellt sich ihr die adlige Ratte Lord Hyronimus Brewster vor und bittet sie, besonders auf das neu im Waisenhaus aufgenommene Mädchen Mara zu achten. Doch bevor Emily überhaupt dazu kommt, wird Mara entführt – von einem Werwolf! Emily zweifelt langsam an ihrem Verstand. Da man sie aber für die Vorkommnisse verantwortlich macht, bleibt ihr nichts übrig als fortzulaufen.
Auf der Flucht wird sie von der Rattenarmee des Lord Brewster unterstützt und landet schließlich bei Wittgenstein, dem mürrischen (aber herzensguten) Alchemisten. Der klärt Emily erst einmal darüber auf, dass sie ein Halbblut ist – halb Elfe, halb Mensch. Solche Wesen haben meist besondere Fähigkeiten. Emily zum Beispiel kann ganz einfach in die Gedanken anderer Menschen eindringen. Und noch etwas finden sie heraus: Mara ist Emilys Halbschwester, die Tochter von Lord Mushroom und Lady Manderley, der ersten Elfenfamilien Londons. Diese Ehe wurde seinerzeit gestiftet, um die Kämpfe zwischen den verschiedenen rivalisierenden Parteien zu beenden. Die Entführung Maras kurz nach ihrer Geburt hat die “uralte Metropole” wieder nahe an den Rand des Krieges gebracht. Außerdem verschwinden in ganz London Kinder …
Wittgenstein, Emily und ihre einzige Freundin Aurora, ebenfalls aus dem Waisenhaus entkommen, steigen mit dem Elfen Maurice Micklewhite in die Unterwelt Londons hinab. In den verlassenen Nebengleisen der U-Bahn finden sich Tunnel, die noch weiter hinab führen. Dort existiert eine eigene Welt, bevölkert von Tunnelstreichern, Irrlichtern und anderen fantastischen Gestalten. Doch die Reise wird sie noch weiter führen und sehr viel unangenehmere Zeitgenossen offenbaren. Und auch die Lichtengel, die irgendwo in der Nähe des Oxford Circle wohnen, mischen sich ein. Schließlich geht es um nichts geringeres als um das Schicksal der uralten Metropole….
Christoph Marzi’s Buch erinnert stilistisch stellenweise an Charles Dickens. Aber so eine Geschichte hätte sich dieser niemals träumen lassen. Auch Michael de Larrabeiti (“Die Borribles”) klingt zwischendurch an. Das London von heute ist bevölkert von einer Vielzahl übernatürlicher Gestalten: Werwölfe, sprechende Ratten, Seraphim, ausgewanderte ägyptische Götter, Golems, … und wir werden auch erfahren, warum sich diese alle ausgerechnet in London befinden. Außerdem liegt ein Eingang zur Hölle irgendwo in den Tunneln unter der Stadt. Die Monster, welche dort leben, können einem wirklich das Blut gefrieren lassen (die Hölle ist ein kalter Ort!).
Aufgrund des Alters der Hauptperson (Emily ist zu Beginn des Buches etwa 12 Jahre alt) hatte ich zunächst vermutet, es könnte sich um ein Jugendbuch handeln. Das stimmt aber nicht! Dieses Buch würde auch lese-erfahrenen Zwölfjährigen nächtelang Alpträume verschaffen. Weniger wegen gewalttätiger Darstellung (das hält sich eigentlich in Grenzen) als vielmehr wegen des unterschwelligen Horrors und der gruseligen Gestalten. Für ältere Jugendliche und Erwachsene aber eine äußerst spannende Lektüre. Ich kann es kaum erwarten, den zweiten Band zu lesen, in dem wir die Hauptpersonen nach Paris begleiten… Aber keine Sorge: die vorliegende Story ist in sich abgeschlossen und kann problemlos für sich gelesen werden.


[...] Lycidas [...]