Buchtipp: Stanislaw Lem: Eden
9. Aug 2008 von drwatson32
Roman einer außerirdischen Zivilisation

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Aufgrund eines Berechnungsfehlers bohrt sich ein Raumschiff in die Atmosphäre des Planeten Eden und stürzt ab. Die 5 Personen der Besatzung überleben wie durch ein Wunder: der Ingenieur, der Physiker, der Chemiker, der Doktor und der Koordinator. Während sie versuchen, die Schäden zu beheben und ihr Schiff wieder flugtauglich zu machen, stellen sie fest, dass der Planet bewohnt ist. Zunächst schlagen alle Versuche fehl, Näheres über die Zivilisation von Eden herauszufinden. Es stellt sich heraus, dass es neben den vorhersehbaren Reaktionen einer Zivilisation auf fremde Besucher, nämlich Rückzug, Aggression und Kontaktversuch, noch eine weitere gibt: nämlich der Versuch, sie zu ignorieren. Die unbegreiflichen Entdeckungen der Mannschaft entziehen sich jeder menschlichen Interpretation. Als schließlich doch ein Ansatz einer Kommunikation aufkommt, stellt sich heraus, dass die fremden Wesen noch unbegreiflicher sind als Menschen es sich vorzustellen vermögen. Soll die Mannschaft mit ihren überlegenen technischen Mitteln eingreifen, um das ihnen unmenschlich erscheinende Gesellschaftssystem umzustürzen?
Der polnische Psychologe und Schriftsteller Stanislaw Lem, 1921 – 2006, gilt als einer der größten Autoren der Science Fiction überhaupt. Seine Romane beweisen auf das eindrucksvollste, dass es sich bei diesem Genre nicht, wie oft behauptet, um seichte Unterhaltungsliteratur handeln muss. Das relativ alte Werk Eden, 1960 veröffentlicht, macht da keine Ausnahme. Insgesamt ist es etwas zugänglicher als z.B. “Solaris” oder “Also sprach Golem” – die dem Leser in ihren kafkaesken Sprachkonstruktionen einiges abverlangen. Trotzdem ist es ein typischer “Lem” mit seinen wahrhaft titanischen Beschreibungen gewaltiger, unbegreiflicher Maschinerien und Landschaften. Neben den außergewöhnlichen sprachlichen Qualitäten kommt aber auch die Spannung nicht zu kurz – im Gegenteil! Die Beschreibung der Kampfszenen des “Beschützers” etwa lässt in ihrer Eindringlichkeit jede StarWars-Raumschlacht zu bloßem Feuerwerk verblassen. Und das moralische Dilemma der Protagonisten ist so überzeugend, dass der Leser sich selbst der Frage nicht entziehen kann: Ist es überhaupt möglich, eine fremde Welt zu begreifen? Ist die Übertragung menschlicher Moralbegriffe auf fremde Wesen zulässig? Wie sich am Ende herausstellt, ist die Gesellschaft der Eden-Bewohner von einer für uns kaum fassbaren Tyrannei geprägt. Und erlaubt – oder erfordert – die technische Überlegenheit es, in dieses unbegreifliche System einzugreifen? Was wären die Folgen? Die Besatzung des Schiffes findet ihre eigene Antwort.
Ein interessantes Stilmittel übrigens ist, dass im ganzen Roman die Namen der Personen nicht genannt werden (außer an einer Stelle der Vorname des Koordinators). Da trotzdem die Persönlichkeiten ganz klar und überzeugend gezeichnet sind, zwingt dies den Leser regelrecht, sich selbst in die Rolle der Handelnden zu versetzen. Obwohl die dargestellte Technik in Einzelheiten naturgemäß heute etwas altbacken erscheint, hat die philosophische Grundfrage auch heute nichts an Aktualität eingebüßt. Dieser Roman wird auch in 100 Jahren noch aktuell sein.
