China Miéville: Der Weber
30. Sep 2008 von drwatson32
Zweiter Teil des Romans “Perdido Street Station”

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Nachdem die “Falter”, eine räuberische Lebensform, welche von den Träumen und Gedanken ihrer durch Hypnose gefangenen Opfer lebt, aus den Labors entkommen sind, hatte am Ende des ersten Bandes (“Die Falter”) der Weber unsere Protagonisten aus den Händen der Miliz gerettet: Isaac, der geniale Wissenschaftler, Derkhan, die im Untergrund wirkende Journalistin und Yagharek, der Garuda. Durch den Hilferuf des Vogelmannes an Isaac, ihm seine Flügel wieder zu beschaffen, ist ja die Katastophe erst ins Rollen gekommen.
Der Weber ist eine unbegreifliche, mehrdimensionale Existenz, die den Menschen als gigantische spinnenähnliche Kreatur erscheint – Yagharek bezeichnet sie als den “tanzenden, wahnsinnigen Gott”. Unter dem Schutz dieses Wesens bereiten Isaac und seine Freunde den Kampf gegen die Falter vor. Unerwartete Hilfe bekommen sie, als sich herausstellt, dass es unter den “Konstrukten” (Robotern) der Stadt einige gibt, die wie ihr eigener Reinigungsroboter Intelligenz entwickelt haben. Doch kann man ihnen und ihrem unheimlichen Anführer, dem Konstrukt Konzil, trauen?
Auch die Stadtregierung von New Crobuzon hetzt die Miliz hinter den Faltern her – leider auch hinter Isaac und den anderen. Und schließlich hat Mr. Vielgestalt, der Drogenboß der Stadt, sein ganz eigenes Interesse an den Falter. Denn nur diese produzieren “Dreamshit”, die potenteste und teuerste Droge, die es je zu kaufen gab. Von der Vielzahl der Namen und überspannten Ideen überwältigt? Keine Angst
Diese Buch kann nicht alleinstehend betrachtet werden, es ist einfach die zweite Hälfte des Romans “Perdido Street Station”, der im Deutschen in zwei Teilen veröffentlicht wurde. Der erste Teil “Die Falter” wurde an dieser Stelle schon besprochen.
Miéville präsentiert eine Überfülle an Ideen. Phantastische Figuren, alptraumhafte Stadtlandschaften und übernatürliche Erscheinungen reihen sich aber so überzeugend aneinander, dass man ihm diesen brütenden, gärenden Moloch von einer Stadt, genannt New Crobuzon, einfach abkauft. Was seine Personen tun und denken, ist so stimmig, dass sie äußerst lebendig wirken – auch wenn die Stadt, die Wesen und eigentlich der ganze Planet nicht von dieser Welt sind. Und die Protagonisten sind auch nicht etwa irgendwelche Auserwählte, Halbgötter und Übermenschen, sondern einfach Leute wie wir alle, die zum falschen Zeitpunkt an der falschen Stelle waren.
Einzuordnen ist das Buch an einer nicht genau zu lokalisierenden Koordinate zwischen Fantasy und Science Fiction, mit einem kräftigen Schuss Horror. Die apokalyptischen Visionen der lebendig werdenden Müllhalden New Crobuzons sind beinahe eines Lovecraft würdig. Die Logik der Story ist allerdings an manchen Stellen im nachhinein ein wenig brüchig – wie bei einem Alptraum entzieht sich das Geschehen manchmal einer allzu konsequenten Erklärung.
Ich habe in den letzten paar Wochen insgesamt drei Bücher Miévilles gelesen. Und obwohl New Crobuzon kein Ort ist, an dem man leben möchte, möchte ich doch noch viel davon lesen.
Ach ja: am Ende erfährt man doch noch, warum Yagharek seine Flügel genommen wurden. Und trotz des Sieges über die Falter bleiben unsere Helden gebrochen und verletzt an Leib und Seele zurück…

