China Miéville: Die Stadt & die Stadt
20. Jun 2011 von drwatson32
Krimi mit surrealen Elementen

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Besźel ist keine Stadt wie alle anderen, auch wenn es einem zunächst so vorkommt. Und auch der Mordfall, den Kommissar Tyador Borlú untersucht, hat ungeahnte Verwicklungen. Die ermordete junge Frau kommt offenbar aus der anderen Stadt – Ul Qoma nämlich, der anderen Hälfte von Besźel.
Nun sollte man sich aber unter dieser Teilung nicht so etwas wie Berlin vor der Wende oder Jerusalem vorstellen. Es gibt keine Mauern, keine Kontrollposten. Besźel und Ul Qoma sind sozusagen “horizontal verflochten” – mal gehört ein Haus hierhin, das nächste dorthin, mal sind es ganze Straßen, und manche Gebiete sind nur meterbreit…
Doch das schlimmste Verbrechen ist nicht etwa der Mord – was das Leben dort bestimmt, ist die Vermeidung des “Grenzbruchs”, worüber eine eigene, unbegreifliche Behörde wacht. Schon ein scharfer Blick über die Stadtgrenze kann zur Verurteilung führen. Die Bewohner der Stadt und der Stadt sind daher stets auf der Hut, alles, was nicht zu “ihrer” Hälfte gehört, gar nicht erst wahrzunehmen. Wie man die Hälften auseinanderhält, das kann eigentlich nur ein Einheimischer so richtig verinnerlichen. Dieser Zustand existiert offenbar schon seit Jahrhunderten, niemand kennt der Ursprung dieser weltweit einmaligen Situation. Und so hat man sich arrangiert; das Leben unterschiedet sich eigentlich gar nicht so sehr von dem in einer normalen Stadt. Doch also Borlú entdeckt, dass die Tote eine Archäologin war, die an Ausgrabungen der ältesten historischen Stätten von Ul Qoma beteiligt war, spitzt sich die Lage unerwartet zu. Und Borlú muss die Ermittlungen auf der anderen Seite fortsetzen.
Der Krimi ist an sich recht konventionell, wenn auch gut gemacht. Er könnte gut als Vorlage für einen soliden Tatort dienen. Was das Buch aber zu einem echten Erlebnis macht, ist die aus Sicht des Kommissars geschilderte zweigeteilte Welt. Geradezu kafkaesk sind die Mauern, die eigentlich nur in den Köpfen existieren, das beharrliche Festhalten an den absurden Konventionen, welche aber ganz reale Auswirkungen haben… Man muss sich dabei klar machen, dass es keine Machthaber, keine Militärgesellschaft gibt, die die Teilung erzwingen. Die Städte sind einfach voneinander getrennt, auch auf politischer Ebene – und, wie bei Nachbarn üblich, sich nicht übermäßig freundlich gesonnen. Die Ursache dafür … – aber mehr verrate ich nicht
China Miéville ist mir schon ein paarmal durch seine sehr ungewöhnlichen Settings aufgefallen (z.B. “Die Falter” oder “Un Lon Dun”). Auch hier ist das Szenario mit großer Tiefe entworfen und ungeheuer überzeugend ausgeführt. Durch die Erzählung aus dem Mund des Protagonisten wird der Leser wie selbstverständlich, fast ohne es zu merken, in die absurde Teilung hineingezogen, die man erst nach mehreren Kapiteln so richtig begriffen hat… einfach genial.

