Christoph Marzi: Somnia
10. Jan 2009 von drwatson32
Vierter Roman um die “uralte Metropole”

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Eine junge Frau steht mit blutbefleckten Händen am Rande des Battery Parks in New York. Sie weiß nicht, wie sie dort hingekommen ist, wo sie herkommt, wer sie ist. Nur ihr Name ist ihr geblieben: Scarlet Hawthorne. Doch eines ist klar: unheimliche Wesen verfolgen sie durch die Winternacht. Die Wendigo, wölfische, geisterhafte, aus Schnee geborene Dämonen trachten nach ihrem Leben. Mit Mühe entkommt sie ihnen, und in letzter Minute nimmt sich Anthea Atwood ihrer an. Die alte Dame hat erkannt, dass Scarlet etwas besonderes ist: ein Trickster-Kind, ein Kind von Eltern, die selber Mischlinge sind, von Elfen- und Menschenblut. Sie hat offenbar besondere Fähigkeiten, die mit Pflanzen zusammenhängen. Gemeinsam mit Jake, Mistress Atwoods Schützling, machen sie sich auf die Suche nach Scarlets Vergangenheit. Diese Suche führt sie durch den dunklen Untergrund von New York – oder Gotham, wie es hier heißt (Kenner schmunzeln….).
Wer die anderen Bücher des Zyklus über die uralten Metropolen gelesen hat, der weiß, dass sich unter den großen Städten immer ein dunkles Spiegelbild dieser Städte findet – und meistens auch Eingänge zur Hölle. Merkwürdige Gestalten bevölkern Gotham: das Schiff Pequod ist hier gestrandet und dient nun als Taverne, Thoreau hat sich nach Strawberry Fields (ja, zwei Tage nach John Lennons Tod war es plötzlich hier!) zurückgezogen, im Dakota Building dienen die Uhrwerkmenschen, und je weniger über China Downtown gesagt wird, umso besser … Fragen Sie nicht! Überall in Gotham findet man “Eistote”, Menschen, die zu glasklarem Eis geworden sind. Und wie schon früher in London, in Paris und in Prag verschwinden Kinder in New York.
Die ersten drei Bände Lycidas, Lilith und Lumen bilden eine in sich geschlossene Geschichte. Trotzdem sind genug Fäden übrig geblieben, um daran anzuknüpfen und einen neuen Roman daraus zu spinnen. Die Hauptfiguren der letzten Bücher treten nur am Rande auf: Emily Laing und Wittgenstein kommen erst gegen Ende des Buches wieder ins Spiel. Aber wer bei “Lumen” aufgepasst hat, der könnte sich denken, wer Scarlet ist.
Marzis Stil hat sich ein wenig verändert: die Story zitiert nicht mehr so viel aus anderen Bücher, bezieht vielmehr nur noch die Namen und Orte mit ein. Insgesamt ist das Buch neben aller Spannung eher melancholisch und düster. Schauerlich ist es allemal – und wer unter Spinnen-Phobie leidet, sollte das Kapitel über das größte Spinnennetz von allen, das Tragseilwerk der Brooklyn Bridge, lieber überspringen – brrrr!
Auf jeden Fall sollte man sich vor Augen halten, dass in “Lumen” der Konflikt zwischen Lycidas und dem “Träumer” noch lange nicht beendet ist. Wem die ersten drei Bände gefallen haben, der sollte diese Fortsetzung nicht verpassen.

