Philip Kerr: Alte Freunde – neue Feinde
7. Mai 2008 von drwatson32
Nachkriegs-Krimi

Dieses Produkt bei
Amazon.de ansehen
Anfang 1947 liegt Deutschland am Boden. Wohnraum, Nahrungsmittel, Heizmaterial – an allem fehlt es. Auf dem Schwarzmarkt verhökern die Überlebenden des Krieges ihr letztes Hab und Gut für etwas zu Essen. Auch Bernhard Gunther, Privatdetektiv in Berlin, geht es nicht besser. Wer braucht in so einer Zeit noch einen Detektiv? Da erhält er über einen russischen Oberst die Nachricht, dass Emil Becker, ein Ex-Kollege aus der Kripo in Wien des Mordes an einem amerikanischen Nazijäger verdächtigt wird. Gunther ist alles Recht, um aus Berlin wegzukommen – zumal es mit seiner Ehe auch nicht zum Besten steht. In Wien erwartet ihn ein scheinbar sonnenklarer Fall – nur der Verdächtige beteuert, nichts damit zu tun zu haben. Gunther beschließt, zu tun, was ihm möglich ist.
Wien hat sich zur Drehscheibe der internationalen Politik entwickelt. Altnazis, amerikanische, russische, britische und französische Militärs – alle verfolgen ihre eigenen Pläne. Irgendwie ist Becker in krumme Geschäfte verwickelt, die Gunther zu einem anderen Fall in Berlin zurückverfolgt – dem Mord an einem jüdischen Ehepaar, die als Nazijäger tätig waren. Offenbar sind nicht alle der Drahtzieher und Kriegsverbrecher gefasst oder geflohen. Gunther kommt einer ungeheuerlichen Verschwörung auf die Spur… Warum sitzt sein “alter Freund” im Gefängnis? Hat er neue Feinde? … sind seine alten Freunde nun Feinde geworden?
Auch dieser Krimi Kerrs liefert dem Leser Unterhaltung in gewohnter Qualität. Ungewöhnlich genug, dass ein englischer Autor das Nachkriegsdeutschland aus der Sicht eines deutschen Protagonisten schildert. Aber die Gedanken und Motive Gunthers sind absolut glaubwürdig, und die Verbitterung über die Siegermächte selbst bei einem “guten Deutschen” äußerst nachvollziehbar dargestellt. Gunther, der uns schon im Krimi “Im Sog der dunklen Mächte” begegnet ist, könnte auch weiterhin als Stellvertreter Philip Marlowes durchgehen – außer dass sein Verhältnis zu Frauen ein wenig anders aussieht… Die konsequent durchgehaltene Ich-Perspektive zieht den Leser stark ins Geschehen. Ein wenig erinnert der zweite, in Wien spielende Teil des Buches an den Film “Der Dritte Mann” – es geht schließlich um den gleichen Ort und die gleiche Zeit… Und am Ende fragt man sich, ob die Gerechtigkeit tatsächlich gesiegt hat. Interessant sind übrigens die ständigen Anspielungen auf eine sich im Aufbau befindliche Behörde, die ihren Sitz in Pullach haben soll (wo zum Kuckuck liegt das???). Wenn man liest, wer bereits in diesem frühen Stadium beteiligt war, könnte einem Angst und Bange werden, und man muss sich immer wieder klar machen, dass dies nur ein Roman ist…
Wäre eine prima Filmvorlage für einen klassischen “film noir”.

