Buchtipp: Dan Simmons: Hyperion
22. Okt 2007 von drwatson32
Space Opera – und etwas mehr als das …

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“Hyperion” ist der erste Roman eines Zweiteilers (der zweite Roman heißt “Das Ende von Hyperion”). Das Werk ist inzwischen bei Heyne als einbändige Ausgabe erhältlich. Beschrieben werden die beiden Teile hier aber getrennt, da der Umfang eines einzelnen Artikels sonst gesprengt würde.
Auf dem Planeten Hyperion versammelt sich eine zusammengewürfelte Schar zu einer letzten Pilgerfahrt. Der Planet wird in Kürze der Schauplatz einer interstellaren Schlacht werden, denn die Ousters, Menschen, welche schon vor vielen Generationen das Leben in Schwerelosigkeit, entfernt von den Planeten, aufgenommen haben, greifen hier das Weltennetz an. Gleichzeitig treibt auf Hyperion das Shrike sein Unwesen, eine halb organische, halb mechanische Monstrosität, deren einziger Existenzzweck das Töten ist. Die Pilger stellen den letzten Versuch dar, das Wesen des Shrike und seine Entstehung zu begreifen. Alle sieben haben aber in ihrer Vergangenheit bereits eine Verbindung zu diesem dunklen Geheimnis gehabt. Sie verbringen die Zeit ihrer Reise damit, sich ihre Geschichten zu erzählen:
- Pater Hoyt hat hier seinen Mentor verloren, den Pater Paul Duré. Duré hatte hier den Eingeborenen-Stamm der Bikura erforscht, welche offenbar durch einen Symbionten in Form des Kreuzes am ewigen Leben gehalten werden. Doch auch hier spielt das Shrike eine Rolle…
- Oberst Kassad, einer der fähigsten Offiziere der Welten-Hegemonie, hat seine große Liebe ausgerechnet in den Trainings-Simulationen des MAO:HTN-Netzwerkes gefunden – so absurd das klingt. Auf Hyperion hat er einmal gekämpft – mit dem Shrike? gegen das Shrike? das ist ihm selbst nicht ganz klar.
- Der Dichter Martin Silenus, offenbar der letzte noch lebende Auswanderer der alten Erde, hat lange Zeit auf Hyperion verbracht und glaubt, das Shrike sei seine Muse, welche allein es ihm ermöglichen könnte, sein letztes Epos zum Abschluss zu bringen
- Sol Weintraub, der Gelehrte, versucht, das Schicksal seiner Tochter zu begreifen, welche seit einem Aufenthalt als Archäologin auf Hyperion rückwärts in der Zeit altert – und nun nur noch wenige Wochen alt ist …
- Het Masteen, der Tempelritter und Kapitän des Weltraum(-baum-)schiffes Yggdrasil kommt nicht mehr dazu, seine Geschichte zu erzählen…
- Brawne Lamia, die taffe Detektivin, hatte als Klienten einen Cybrid, d.h. einen menschlichen Körper als Avatar einer KI. Johnny, so sein Name, ist auf Hyperion ermordet worden (obwohl das bei einer KI nicht so leicht ist). Und Brawne ist schwanger von ihm…
- Der Konsul (sein vollständiger Name fällt im ganzen Buch nicht) war bis vor einigen Jahren der höchste Hegemonie-Beamte auf Hyperion, hat aber selbst ein höchst gespaltenes Verhältnis zur Hegemonie.
Konfliktpotential ist also reichlich vorhanden, auch ohne die zusätzliche Information, dass einer der Reisenden ein Agent der Ousters ist. Als alle Geschichten erzählt sind, müssen die Pilger sich dem Shrike stellen. Der Verlauf dieser Konfrontation und der parallel ablaufenden interstellaren Schlacht um Hyperion sowie die Rolle des TechnoCore, der Gesellschaft der KI, wird im zweiten Buch beschrieben.
Simmons gelingt es in diesem Buch, aus zusammengewürfelten Erzählungen das Bild einer Welt zu zeichnen, in der der Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen thematisiert wird. Insofern erweist sich der Name Hyperion als allegorisch – es ist der Name eines der Titanen, welche in der altgriechischen Mythologie den neueren Göttern vorausgingen. Wer hier die “alten” und wer die “neuen” darstellt – das verrate ich lieber nicht. Viele Rätsel werden in diesem Buch gestellt – aber alle, wirklich alle werden im zweiten Band aufgelöst. Neben der griechischen Mythologie spielen auch die Gedichte von John Keats eine wichtige Rolle (die ich selbst nicht kenne – was ich in Bezug auf diese Buch bedaure!) Als letzter Köder sei noch gesagt, dass Shrike im Englischen soviel bedeutet wie Neuntöter – ein Vogel, welcher seine Beute (Insekten etc.) auf die Dornen von Sträuchern aufspießt…
Der erste “Hyperion”-Zyklus ist immer noch, 15 Jahre nachdem ich ihn zum ersten Mal gelesen habe, eines meiner Lieblingsbücher. Dagegen reicht der zweite Zyklus (“Endymion – Pforten der Zeit” / “Endymion – Die Auferstehung”) bei weitem nicht an die Qualität des Vorgängers heran, ist aber inhaltlich meiner Ansicht nach auch gar nicht notwendig.

