Buchtipp: Neal Stephenson: Anathem
7. Dez 2008 von drwatson32
Zukunftsroman – ich vermeide bewusst den Begriff “Science Fiction”.

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Obwohl… im Sinne von “wissenschaftlicher Dichtung” wäre er hier vielleicht eher gerechtfertigt als bei so manchem Raumschiff-strotzendem, mit Aliens gespickten Schocker. Leider aktuell nur im englischen Originaltext erhältlich.
Die Welt Arbre ist der unseren nicht unähnlich. Zu einem bestimmten Zeitpunkt, nach einer nicht näher beschriebenen Katastrophe, etwa 3700 Jahre vor der Zeit des Romans – das entspräche auf der Erde einer Zeit irgendwann in der näheren Zukunft – haben sich die Wissenschaftler und Philosophen in eine Art von Ordenshäusern zurückgezogen. Dort leben sie isoliert von der Außenwelt. Der Orden der “Zehner” hat dabei alle zehn Jahre einmal Kontakt zur Außenwelt, die “Hunderter” nur alle hundert Jahre, und die “Tausender” … genau. Die streng formalisierten Gemeinschaften erinnern ein wenig an mittelalterliche Klöster, selbstversorgend, arm an weltlichem Besitz und voller geheimnisvoller Rituale.
Erasmas ist einer dieser Wissenschaftler, ein junger “Zehner”. Kurz nach der ersten Öffnung, die er etwa um die Zeit seines 18ten Geburtstags erlebt, passieren merkwürdige Dinge: sein vertrauter Lehrer Orolo stellt geheimnisvolle Aufnahmen im Observatorium an. Vertreter der Inquisition treffen ein. Und Erasmas beginnt, seine eigenen Beobachtungen zu machen. Unterstützt von seinen Kameraden findet er heraus, dass Arbre eine ungeheuerliche Gefahr droht…
Neal Stephensons Bücher habe alle die Eigenart, teils recht tiefgehende philosophische und wissenschaftliche Themen in die Form eines packenden Romans zu bringen. Dieser hier ist keine Ausnahme – eher noch mehr als in z.B. “The Diamond Age”, “Cryptonomicon” oder “Snow Crash” sind die zentralen Fragestellungen in der Philosophie und der Quantenphysik verankert. Ein wenig Interesse und Vorbildung in solchen Themen schadet also nicht – ist aber bestimmt keine Grundvoraussetzung. Wer jedoch weiß, was ein Hilbert-Raum oder ein Faraday’scher Käfig ist, oder wer eine polare Umlaufbahn von einer äquatorialen unterscheiden kann, der wird sicher einen besonderen Gewinn haben. Die letztendliche Frage des Romans dreht sich um das Bewusstsein: ist der menschliche Geist etwa in der Lage, nahezu gleiche Quantenzustände aus anderen Welten wahrzunehmen? Soll heißen, aus Welten, die sich nur um weniges von der unseren unterscheiden? Und wenn ja, gäbe es Möglichkeiten, auf diese Welten einzuwirken – sei es nur dadurch, dass er seiner Entsprechung in der anderen Welt Informationen zukommen lässt?
Aber diese schwerwiegenden Fragen tauchen erst recht weit hinten auf. Bis dahin hat Stephenson seine Leser schon längst in den Bann gezogen. Die Lebensweise der mönchischen Wissenschaftler gibt einem zu Beginn genug Rätsel auf – auch wenn alles einen guten Grund hat. Die Sprache des Romans hat ihre ganz eigene Art, mit Worten umzugehen – dies wird mit der strengen Isolation der Orden erklärt, die zu einem Auseinanderdriften der Sprache nicht nur zwischen den Orden und der säkularen Welt, sondern auch zwischen den Orden untereinander führt. Der Titel ist schon das erste Beispiel: “Anathem” besitzt Anklänge sowohl an “anthem” (Hymne, Lobgesang) als auch an “anathema” (Kirchenbann). Und so geht es weiter: die Ordenshäuser (meine Bezeichnung) heißen hier “concent”, was sowohl an “convent” (Konvent, Kloster) als auch an “consent” (Einverständnis) und schließlich an “concentration” (camp?!?) anklingt. Man sollte also schon einigermaßen sattelfest im Englischen sein, um diese Wortspiele würdigen zu können. Zum Glück hat Stephenson das Buch mit kurzen Auszügen aus einem fiktiven Wörterbuch sowie einem Abriß der Geschichte Arbres versehen…
Neben diesen schwerwiegenden Grundgedanken hat Stephenson aber nicht vergessen, eine spannende, mitreißende Story aufzubauen und vor allem von seinen Protagonisten eine menschlich überzeugende Darstellung zu geben.
Der Roman lässt sich grob in drei Teile gliedern. Im ersten Teil lernt man den fiktiven Autor kennen, Fraa Erasmas, der das Buch als eine Art Tagebuch oder Erfahrungsbericht präsentiert. Nachdem der Leser sich soeben an die ungewöhnlichen Umstände in den Ordenshäusern gewöhnt hat und die Intrigen um Orolos Entdeckungen beginnen, stürzt der zweite Teil Erasmas plötzlich in ein Abenteuer, dass, um den Klappentext zu zitieren, “ihn in die gefährlichsten, unbehaustesten Winkel des Planeten führt – und darüber hinaus”. Ein wenig reißerisch formuliert, aber zutreffend. Im dritten Teil schließlich stellt die ungewöhnliche Weltgemeinschaft Arbres sich der drohenden Gefahr, und auch hier werden Erasmas und seine Gefährten eine besondere Rolle spielen.
Ein ganz unglaublicher Roman. Unbedingt lesen.
Eine interessante Kritik findet sich auch unter “Die Mönche der Wissenschaft” . Ach ja: vor dem Kauf auch diesen Artikel hier lesen…

Ein Interview mit Neal Stephenson findet sich auf YouTube