Tad Williams: Der Blumenkrieg
14. Okt 2007 von drwatson32
Fantasy-Roman

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(Auf Englisch unter dem Titel “The War of the Flowers” gelesen, daher sind möglicherweise einige Namen nicht identisch mit den in der deutschen Ausgabe verwendeten).
Theo Vilmos, Gelegenheitsjobber und Leadsänger einer drittklassigen Band, hat das, was man so eine ziemlich üble Pechsträhne nennen könnte. Seine Lebensgefährtin erleidet eine Fehlgeburt; daraufhin setzt sie ihn vor die Tür; und kurz darauf erkrankt seine Mutter und stirbt. Ziemlich fertig mit der Welt beschließt er, sich einige Zeit in eine Berghütte zurückzuziehen und diese Schicksalsschläge erst einmal zu verarbeiten. Das einzige, was ihm von seiner Familie noch geblieben ist, ist ein Tagebuch eines Großonkels, das über eine seltsame Parallelwelt berichtet – Faerie, das Elfenland.

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Doch kaum hat er sich in seiner Zuflucht eingerichtet, taucht plötzlich Apfelgriebs, eine wahrhaftige Elfe (wenn auch mit ziemlich vulgärer Ausdrucksweise), bei ihm auf und versucht ihn zu überreden, ihr durch ein Portal nach Faerie zu folgen. Theo geht nur darauf ein, weil gleichzeitig ein anderes, ziemlich beunruhigendes Wesen (der Dämon Irrha) bei ihm einzudringen versucht.
In Faerie angekommen, stellt sich heraus, das Theo von rivalisierenden Fraktionen der herrschenden Schicht gesucht wird, um eine Rolle in einem undurchsichtigen politischen (oder magischen?) Manöver zu spielen. Theo ist nicht begeistert, aber in Unkenntnis der Verhältnisse ist er zunächst einmal nur der Spielball der Mächtigen. Als einzige steht Apfelgriebs ihm bei, später auch andere. Schließlich lernt er Poppea kennen, die Tochter des zweitmächtigsten Mannes in Faerie…
Faerie ist erschreckenderweise unserer Welt sehr ähnlich geworden: ländliche Gegenden als Vororte einer Mega-City, krasse soziale Gegensätze, Ausbeutung der unteren Klassen, … und ein dunkles Geheimnis umrankt den Tod des Königspaares am Ende des letzten Blumenkrieges. Seitdem geht es jedoch aufwärts mit Faerie – die Stadt breitet sich aus, neue Technologien werden entwickelt – oder bedeutet das nur, dass es in Wirklichkeit abwärts geht?
Da greift das Haus Nieswurz, die mächtigste Familie in Faerie, mit Gewalt zur Macht. Viele sind entsetzt, doch keiner traut sich, gegen die grausamen Herrscher aufzustehen. Nur die Goblins, eine verachtete Diener-Rasse, versammeln sich in den Vororten. Doch welche Rolle wird Theo in diesem Chaos spielen?
Ich habe mich lange Zeit nicht dazu entschließen können, die Monumentalwerke von Tad Williams in diesem Blog zu besprechen. “Der Blumenkrieg” ist ein kürzeres, einbändiges Werk (von immerhin noch rund 800 Seiten). Wer damit anfängt, muss sich zunächst durch einen ziemlich zähflüssigen Abschnitt von etwa 100 Seiten kämpfen, in dem Theos “Pechsträhne” dargestellt wird. Nicht, dass die Darstellung etwa misslungen wäre – im Gegenteil, jeder Schritt, jedes Gefühl ist absolut nachvollziehbar. Aber in diesem Teil des Buches hält es den Leser einfach nicht gefangen…
Das ändert sich mit der Ankunft Theos in Faerie sofort. Wie bei Tad Williams üblich, wird man sofort in den Bann der Story gezogen. Die Charaktere der Elfen und anderen Wesen nehmen einen sofort für sich ein – oder sie lehren einen das Fürchten, nicht durch Splatter und spritzendens Blut, sondern eher in bester Tradition der unmenschlichen Drahtzieher eines Polit-Thrillers. Lord Nieswurz könnte jederzeit den Bösewicht in einem Tom-Clancy-Roman abgeben. Apfelgriebs ist so ziemlich die krasseste Elfe, die man sich vorstellen kann – und wer in ihrer Gegenwart Tinkerbell erwähnt, kann sich auf etwas gefasst machen!
Die Darstellung des Anschlags auf das Haus Tausendschön ist erschreckend und, wie Williams selbst im Vorwort schreibt, den Vorgängen während der Anschläge vom 11. September recht ähnlich. Es handelt sich aber keineswegs um ein Stück Zeitgeschichte, welches passenderweise in einen Fantasy-Roman eingebaut wurde – dieser Teil des Romans existierte schon einige Jahre zuvor. Auch die Unterteilung der Gesellschaft in verschiedene Rassen hat nichts von der Romantik eines Tolkien, sondern ist die Grundlage für ein handfestes Ausbeutungssystem. Die Faerie-Zivilisation ist modern und trägt viele Ähnlichkeiten mit der unseren, zum Guten wie zum Schlechten.
Wer sich, wie gesagt, durch die ersten 100 Seiten gekämpft hat, wird sicherlich gefesselt sein. Tad-Williams-üblich ist der “große Plan” hinter der Story gut überlegt und gut versteckt. Stückchenweise erfährt der Leser gleichzeitig mit der Hauptperson, worum es überhaupt geht. Und am Ende, zum großen Finale, warten immer noch ein paar überraschende Wendungen. Aufgrund der Längen zum Start handelt es sich nicht um meinen liebsten Tad-Williams-Roman. Aber einen Platz in der ersten Reihe hat er allemal verdient.



[...] Nacht” erzählt der erfolgreiche Schriftsteller Tad Williams (”Otherland”, “Der Blumenkrieg”) zusammen mit der Fantasy-Autorin Nina Kiriki Hoffman diesen kurzen Roman (ca. 170 Seiten). Schade, [...]